
Im strategischen Produktmanagement und Designprozess bezeichnet Product Visioning die methodische Erarbeitung einer langfristigen, richtungsweisenden Zielvorstellung für ein Produkt. Diese Vision fungiert als „Nordstern“ für Entwicklungs-, Design- und Marketingteams. Sie definiert den zukünftigen Zustand, den ein Produkt erreichen soll, und den übergeordneten Wert, den es für Nutzer und das Unternehmen generiert. Das Product Visioning geht über reine Feature-Listen oder kurzfristige Roadmaps hinaus und bildet das fundamentale Fundament für strategische Ausrichtung und Entscheidungsfindung in komplexen Produktumgebungen.
Definition
Product Visioning ist der strukturierte, kollaborative Prozess zur Definition der Produktvision („Product Vision“). Diese beschreibt die langfristige Mission eines Produkts und beantwortet die Frage, warum das Produkt existiert und welchen positiven Wandel es herbeiführen soll.
Wissenschaftlich und methodisch betrachtet ist die Produktvision eine stabile, strategische Konstante, die das „Warum“ (Purpose) und das „Wohin“ (Destination) festlegt, während die Produktstrategie das „Wie“ (den Weg zum Ziel) beschreibt. Nach Roman Pichler, einem führenden Autor im Bereich Produktmanagement, ist die Vision das übergeordnete Ziel, das Motivation stiftet und die Ausrichtung aller Beteiligten synchronisiert. Product Visioning ist somit nicht das Ergebnis (das Vision Statement), sondern der kognitive und diskursive Schöpfungsprozess, der oft in Form von Workshops und validierter Lernzyklen stattfindet.
In Abgrenzung zur umgangssprachlichen Nutzung, wo „Vision“ oft mit vagen Träumen oder unrealistischen Ideen gleichgesetzt wird, fordert das professionelle Product Visioning Konkretisierung, Marktrelevanz und eine klare Ableitung aus Nutzerbedürfnissen und Unternehmenszielen.
Begriffserklärung und Abgrenzung
Um Product Visioning präzise einzuordnen, ist eine Differenzierung zu angrenzenden strategischen Begriffen notwendig:
- Produktvision vs. Produktstrategie: Während die Vision das unveränderliche Fernziel darstellt (z. B. „Die weltweit einfachste Finanzverwaltung für Freelancer“), definiert die Strategie den Plan, wie dieses Ziel erreicht wird (z. B. durch Fokus auf mobile-first Ansätze oder KI-Automatisierung). Die Strategie kann sich ändern (Pivot), die Vision bleibt idealerweise stabil.
- Produktvision vs. Unternehmensvision: Die Unternehmensvision bezieht sich auf die gesamte Organisation. Die Produktvision ist eine Teilmenge davon, spezifisch für ein bestimmtes Angebot. Bei Startups mit nur einem Produkt können diese deckungsgleich sein; in Konzernen existieren mehrere Produktvisionen unter einer Unternehmensvision.
- Product Visioning vs. Roadmapping: Visioning ist der normative, langfristige Schritt (3–5 Jahre+). Roadmapping ist die operative und taktische Planung der Umsetzungsschritte (Quartale bis 1–2 Jahre), abgeleitet aus der Vision.
Technische Grundlagen / Funktionsweise
Das Product Visioning erfolgt methodisch oft durch validierte Frameworks, um sicherzustellen, dass die Vision nicht nur inspirierend, sondern auch marktfähig ist. Ein etabliertes Modell ist das Product Vision Board nach Roman Pichler.
Dieser Ansatz strukturiert das Visioning in fünf Kernbereiche:
- Vision: Der inspirierende, übergeordnete Zweck (Top-Level Goal).
- Zielgruppe (Target Group): Definition der Nutzersegmente und Kunden, für die das Produkt bestimmt ist.
- Bedürfnisse (Needs): Das primäre Problem, das gelöst wird, oder der zentrale Nutzen (Value Proposition).
- Produkt (Product): Die drei bis fünf entscheidenden Merkmale (USPs), die das Produkt zur Erfüllung der Bedürfnisse benötigt.
- Unternehmensziele (Business Goals): Der wirtschaftliche Wert für die Organisation (z. B. Umsatz, Markterschließung, Datenhoheit).
Der Prozess des Visionings ist iterativ. Eine initial formulierte Vision (Hypothese) wird durch qualitative und quantitative Forschung (Product Discovery) validiert, um das Risiko von Fehlentwicklungen zu minimieren.
Anwendungsbereiche
Product Visioning findet primär in folgenden Kontexten Anwendung:
- Neuentwicklung (Greenfield Projects): Vor dem Start der Entwicklung, um den Scope zu definieren und Stakeholder auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören.
- Produkt-Relaunch: Bei der Neuausrichtung etablierter Produkte, die Marktanteile verlieren oder technologisch veraltet sind.
- Digitale Transformation: Wenn physische Dienstleistungen in digitale Produkte überführt werden und eine neue Value Proposition definiert werden muss.
- Portfoliomanagement: Zur Harmonisierung verschiedener Produkte innerhalb einer Produktlinie, um Kannibalisierung zu vermeiden.
Relevanz und Bedeutung
Die ökonomische und strategische Relevanz des Product Visioning ist hoch, da es als Filter für Entscheidungen dient. In der agilen Entwicklung (z. B. Scrum) verhindert eine klare Vision das „Feature Creep“ (das unkontrollierte Hinzufügen von Funktionen ohne strategischen Wert).
Eine starke Produktvision:
- Schafft Fokus: Sie ermöglicht Teams, „Nein“ zu Anforderungen zu sagen, die nicht auf das langfristige Ziel einzahlen.
- Erhöht die Motivation: Teams

