Branding

André Puschinsky11.02.2026

Ein Brand Audit, im deutschsprachigen Raum oft als Markenanalyse oder Markenrevision bezeichnet, stellt eine umfassende, systematische Untersuchung des aktuellen Zustands einer Marke dar. Dieses diagnostische Verfahren dient dazu, die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken einer Marke zu evaluieren. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der von einem Unternehmen definierten Markenidentität (Selbstbild) und dem von externen Zielgruppen wahrgenommenen Markenimage (Fremdbild) zu identifizieren. Als Instrument der strategischen Markenführung liefert der Brand Audit die empirische Grundlage für Neupositionierungen, Design-Relaunches oder strategische Korrekturen in der Marktbearbeitung.

Definition

Der Brand Audit wird definiert als detaillierte Bestandsaufnahme, die untersucht, wie eine Marke derzeit am Markt performt. Anders als rein finanzielle Audits, die sich auf buchhalterische Kennzahlen konzentrieren, analysiert der Brand Audit sowohl materielle als auch immaterielle Vermögenswerte einer Marke. Er betrachtet die visuelle Konsistenz, die kommunikative Tonalität, die Marktpositionierung sowie die psychologische Verankerung bei den Konsumenten (Brand Equity).

In der Fachliteratur wird der Prozess häufig als „Gesundheitscheck“ einer Marke beschrieben. Er ist nicht auf Krisenzeiten beschränkt, sondern fungiert als präventives Steuerungsinstrument, um sicherzustellen, dass die Markenstrategie im Einklang mit den Unternehmenszielen und den veränderten Marktbedingungen steht.

Begriffserklärung und Abgrenzung

Zur präzisen Einordnung des Begriffs ist eine Abgrenzung zu verwandten Untersuchungsformen notwendig. Während ein Marketing Audit die gesamte Marketingorganisation, -effizienz und -umwelt eines Unternehmens beleuchtet, fokussiert sich der Brand Audit exklusiv auf die Marke als immateriellen Vermögenswert.

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist die Dualität der Analyse: Ein Brand Audit betrachtet zwingend die interne und die externe Perspektive.

  • Interne Perspektive: Strategische Dokumente, Markenrichtlinien, visuelle Assets und das Markenverständnis der Mitarbeiter.
  • Externe Perspektive: Kundenwahrnehmung, Wettbewerbsvergleich und Positionierung im Marktumfeld.

Abzugrenzen ist der Begriff zudem vom reinen Design Audit, der sich lediglich auf die visuelle Kohärenz (Logo, Typografie, Farbgebung) beschränkt. Der Brand Audit inkludiert diese visuellen Aspekte, ordnet sie jedoch in den kontextuellen Rahmen der Markenstrategie und der Markenarchitektur ein.

Historische Entwicklung

Die Notwendigkeit systematischer Markenanalysen entwickelte sich parallel zum Aufstieg des „Brand Management“ als eigenständige Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In den 1980er Jahren wuchs das Bewusstsein dafür, dass Marken nicht nur Absatzförderer, sondern bilanzierbare Vermögenswerte darstellen. Diese Erkenntnis führte zur Etablierung des Begriffs Brand Equity (Markenwert). Maßgeblich geprägt wurde das theoretische Fundament durch den Wirtschaftswissenschaftler David A. Aaker, der 1991 in seinem Werk „Managing Brand Equity“ Modelle zur Messung und Steuerung des Markenwerts vorstellte.

Die methodische Strukturierung des Brand Audits, wie sie heute in der Praxis angewandt wird, ist eng mit Kevin Lane Keller verbunden. In seinem Standardwerk „Strategic Brand Management“ (erstmals erschienen in den 1990er Jahren) definierte Keller den Brand Audit als fundamentalen ersten Schritt der strategischen Markenplanung. Er etablierte die bis heute gültige Zweiteilung in „Brand Inventory“ (Bestandsaufnahme) und „Brand Exploratory“ (Erforschung der Wahrnehmung). Diese wissenschaftliche Fundierung transformierte die Markenanalyse von einer intuitiven Betrachtung hin zu einem datengestützten Managementprozess.

Technische Grundlagen / Funktionsweise

Ein professioneller Brand Audit folgt einem strukturierten Prozess, der in der Regel in drei Phasen unterteilt ist: die interne Bestandsaufnahme, die externe Analyse und die Synthese.

1. Brand Inventory (Interne Bestandsaufnahme)

Im ersten Schritt, dem Brand Inventory, wird eine vollständige Katalogisierung aller Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen vorgenommen. Ziel ist es, ein Profil darüber zu erstellen, wie die Marke aktuell vermarktet wird.

Analysiert werden:

  • Visuelle Elemente: Logos, Verpackungen, Websites, Broschüren, Werbemittel.
  • Verbale Elemente: Slogans, Tonalität (Tone of Voice), Kernbotschaften.
  • Produktportfolio: Branding der einzelnen Produkte, Markenarchitektur und Hierarchie.
  • Strategische Dokumente: Vorhandene Markenleitbilder, Positionierungspapiere und Corporate-Identity-Guidelines.

Die zentrale Fragestellung dieser Phase lautet, ob die Elemente konsistent sind. Häufig deckt das Brand Inventory auf, dass unterschiedliche Abteilungen oder Regionen veraltete Logos verwenden oder widersprüchliche Botschaften kommunizieren, was zu einer Fragmentierung der Markenidentität führt.

2. Brand Exploratory (Externe Wahrnehmungsanalyse)

Das Brand Exploratory untersucht, was die Marke in den Köpfen der Konsumenten tatsächlich bedeutet. Während das Inventory die Absicht des Unternehmens abbildet, spiegelt das Exploratory die Realität des Marktes wider.

Hierbei kommen qualitative und quantitative Methoden der Marktforschung zum Einsatz:

  • Qualitativ: Tiefeninterviews, Fokusgruppen und ethnografische Beobachtungen, um emotionale Assoziationen und mentale Verknüpfungen (Brand Associations) zu verstehen.
  • Quantitativ: Umfragen zur gestützten und ungestützten Markenbekanntheit (Brand Awareness), Markensympathie und Wiederkaufbereitschaft.
  • Digital: Analyse von Social-Media-Sentiment, Suchvolumen und Web-Traffic-Daten.

3. Gap-Analyse und Synthese

In der finalen Phase werden die Ergebnisse des Brand Inventory (Soll-Zustand/Selbstbild) mit denen des Brand Exploratory (Ist-Zustand/Fremdbild) abgeglichen. Diskrepanzen zwischen dem, was das Unternehmen kommunizieren möchte, und dem, was bei der Zielgruppe ankommt, werden als strategische Lücken (Gaps) identifiziert. Aus dieser Synthese leiten sich Handlungsempfehlungen für die Optimierung der Markenstrategie ab.

Anwendungsbereiche

Der Brand Audit kommt in verschiedenen Phasen des Unternehmenslebenszyklus zum Einsatz. Man unterscheidet zwischen anlassbezogenen und periodischen Audits.

Strategische Neuausrichtung (Rebranding)

Vor einem geplanten Rebranding oder Relaunch ist ein Audit obligatorisch, um zu verstehen, welche Markenwerte erhaltenswert sind (Brand Heritage) und welche Assoziationen einer Neupositionierung im Wege stehen.

Mergers & Acquisitions (M&A)

Im Rahmen von Unternehmensfusionen dient der Brand Audit der Due Diligence. Es muss bewertet werden, ob die übernommenen Markenportfolios konsolidiert, parallel geführt oder aufgelöst werden sollen. Zudem hilft der Audit, den monetären Wert der Marke für die Kaufpreisallokation zu bestimmen.

Performance-Rückgang

Bei sinkenden Marktanteilen, stagnierenden Umsätzen oder einer verringerten Kundenloyalität dient der Audit als Diagnoseinstrument, um die Ursachen zu identifizieren. Oftmals liegen diese nicht im Produkt selbst, sondern in einer diffusen Markenwahrnehmung oder einer veralteten Positionierung.

Periodische Überprüfung

Führende Markenberatungen empfehlen, Brand Audits in regelmäßigen Zyklen (z. B. alle 3 bis 5 Jahre) durchzuführen, um eine schleichende Entfremdung vom Markt („Brand Drift“) zu verhindern.

Relevanz und Bedeutung

In einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Wirtschaft stellt die Marke oft den wertvollsten immateriellen Vermögenswert eines Unternehmens dar. Die Relevanz des Brand Audits ergibt sich aus der Notwendigkeit, diesen Wert zu schützen und zu mehren.

  • Sicherung der Konsistenz: In Zeiten von Omnichannel-Marketing, bei dem Kunden über zahllose Touchpoints (Website, App, Social Media, POS) mit der Marke interagieren, ist Konsistenz der Schlüsselfaktor für Vertrauen. Der Audit deckt Inkonsistenzen auf, die das Markenerlebnis schwächen.
  • Effizienzsteigerung: Durch die Identifikation redundanter oder ineffektiver Marketingmaßnahmen ermöglicht der Audit eine effizientere Allokation von Marketingbudgets.
  • Risikomanagement: Negative Markenassoziationen oder Markenrechtsverletzungen können frühzeitig erkannt werden, bevor sie nachhaltigen Reputationsschaden verursachen.
  • Wettbewerbsvorteil: Durch die genaue Analyse des Wettbewerbsumfelds im Rahmen des Audits können Nischen und unbesetzte Positionierungsfelder (White Spots) identifiziert werden.

Verwandte Begriffe

Zum Verständnis des Brand Audits ist die Kenntnis folgender verwandter Termini hilfreich:

  • Brand Equity (Markenwert): Der Zusatznutzen, den eine Marke einem Produkt verleiht. Der Brand Audit ist das primäre Werkzeug zur qualitativen Bewertung dieses Werts.
  • Corporate Identity (CI): Das strategisch geplante Selbstbild des Unternehmens. Der Audit überprüft die Umsetzung der CI.
  • Corporate Image: Das Fremdbild des Unternehmens in der Öffentlichkeit. Es ist Gegenstand des Brand Exploratory.
  • Brand Architecture: Die Strukturierung von Marken innerhalb eines Unternehmens (z. B. Dachmarke vs. Einzelmarke). Die Überprüfung der Architektur ist oft Teilbestandteil des Audits.
  • Due Diligence: Die sorgfältige Prüfung eines Unternehmens vor einer Transaktion. Der Brand Audit ist Teil der kommerziellen oder Marketing-Due-Diligence.

Zusammenfassung

Der Brand Audit ist weit mehr als eine ästhetische Überprüfung von Designelementen. Er ist ein fundiertes, analytisches Verfahren zur Bestimmung des Status quo einer Marke. Durch die systematische Gegenüberstellung von interner Strategie und externer Wahrnehmung liefert er Entscheidungsträgern die notwendige Faktenbasis für eine langfristig erfolgreiche Markenführung. In einem dynamischen Marktumfeld ist der Brand Audit somit eine essenzielle Voraussetzung für den Erhalt und Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit.

ChristinaConsultant+4920225855309
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