Warum KI im Film nur so gut ist wie der, der sie benutzt
Amina Sipcanin und Marc Piesker über Werbefilme mit Haltung, den verantwortungsvollen Einsatz von KI und Details, die das Scrollen stoppen. Mit Kapiteln und Transkript.
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Darum geht’s
Was macht einen Werbefilm so gut, dass man ihn sich zweimal anschaut? Amina Sipcanin spricht mit Marc Piesker, Regisseur und Head of Content Creation bei pechschwarz®, über den Unterschied zwischen Filmset und Agentur, über Hartnäckigkeit und darüber, wie man Kunden von einer Idee überzeugt.
Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um KI: warum Marc sie als Instrument sieht, wo sie im Werbefilm sinnvoll ist und warum er komplett KI-generierte Spots kritisch sieht. Dazu kommen Einblicke in Projekte wie Delfin mit Maskottchen Flossi und den Imagefilm für Sauren. Die Folge dauert gut 36 Minuten.
Im Gespräch: Amina Sipcanin, Head of Corporate Communications, und Marc Piesker, Regisseur und Head of Content Creation bei pechschwarz®.
Die wichtigsten Gedanken
Ein Regisseur muss hartnäckig sein.
04:26 · Ob Kinofilm oder Werbefilm: Wer seine Vision umsetzen will, muss sie gut begründen und darf sich nicht beim ersten Nein abschrecken lassen. Gleichzeitig ist Marc wichtig, dass vor dem Dreh alle mit dem Konzept einverstanden sind.
Was Spaß beim Machen bringt, macht Spaß beim Schauen.
07:06 · Statt des klassischen Imagefilms mit Impressionen, Musik und Voice-over argumentiert Marc für Filme, die mehr wagen. Seine Faustregel: Wenn das Team im Schnittraum begeistert ist, sind es meist auch die Zuschauer.
KI ist ein Instrument.
14:20 · Jeder kann es spielen, aber ob ein Profi am Klavier sitzt oder jemand ohne Notenkenntnis, macht den Unterschied. Große Marken nutzen KI meist zurückhaltend. Bei pechschwarz fließt sie gezielt ein, etwa in zwei Einstellungen eines Season-Trailers.
Wo ein Trend ist, gibt es einen Gegentrend.
19:27 · Weil vieles nach KI aussieht, zeigen Marken und Künstler zunehmend, was echt ist, etwa mit Behind-the-Scenes-Material. Für Marc ist die entscheidende Frage nicht, ob man KI noch erkennt, sondern welche Wirkung eine Marke erzeugen will.
Eye Candy stoppt das Scrollen.
35:12 · Besondere Details wie eine Aufnahme mit Probe-Lens-Objektiv brennen sich ein. Marc will Filme, die man sich ein zweites oder drittes Mal ansieht, weil man sich an den Details freut.
Das Gespräch in Kapiteln
Die Zeitmarken öffnen die passende Stelle im YouTube-Video.
00:00 · Regisseur und Head of Content Creation: Marcs Rolle
03:11 · Hartnäckigkeit, Geschmack und wie man Kunden überzeugt
11:32 · Botschaft, Vibe und die Frage nach KI
17:44 · Wenn man KI nicht mehr erkennt
24:15 · KI im Kundenprojekt, Flossi und eigene Musik
30:07 · Sauren, Eye Candy und der filmische Anspruch
Die Folge zum Nachlesen
Redigiertes Transkript auf Grundlage der Aufzeichnung und der automatisch erzeugten YouTube-Untertitel. Füllwörter, Wiederholungen und Satzabbrüche wurden für die Lesbarkeit geglättet. Die Zeitmarken führen zum Gespräch im Originalvideo; die vollständige Audiofassung ist dort maßgeblich.
Einordnung der Redaktion · 5. November 2026
Das Gespräch gibt persönliche Erfahrungen und Einschätzungen wieder. Aussagen zur Kennzeichnung KI-generierter Inhalte beschreiben Marcs Praxis und Beobachtungen und sind keine Rechtsberatung. Welche Pflichten im Einzelfall gelten, ordnen wir in unserem Beitrag KI-Kennzeichnungspflicht: Was du ab 2026 musst ein.
Die erwähnten Werbespots und Beispiele aus sozialen Medien schildern Marc und Amina aus eigener Beobachtung. Genannte Budgets sind grobe Beispiele aus dem Gespräch, keine Richtwerte.
Regisseur und Head of Content Creation
00:00 · Amina Sipcanin: Hallo Marc, ich freue mich sehr, dass du heute im Podcast bist und wir ein bisschen über dich und deine Arbeit quatschen. Und natürlich über die Einblicke, die man vielleicht nicht so vordergründig sieht. Stell dich doch gern erst einmal vor.
00:16 · Marc Piesker: Hi, ich bin Marc und leite hier die Film- und Fotoabteilung bei pechschwarz.
00:24 · Amina Sipcanin: Du sagst, du leitest die Film- und Fotoabteilung, aber ich habe auch gehört, dass du dich als Regisseur bezeichnest. Was ist der Unterschied, oder was ist die Gemeinsamkeit?
00:30 · Marc Piesker: Ein Regisseur ist eigentlich vor allem am Set tätig, natürlich auch vor und nach dem Dreh. Ich bin auch Regisseur, mache aber noch viel mehr dazu: Motion Design, ich bin in den Kundenterminen, schreibe E-Mails. Das macht ein Regisseur beim Film auch alles, aber ich mache eben noch mehr. Und mit Lukas habe ich einen Mitarbeiter, den ich leite. Mein Lieblingsjobtitel ist auf jeden Fall Regisseur, weil ich das am allerliebsten mache. Aber im Kontext einer Agentur passen Head of Content Creation und Abteilungsleiter etwas besser.
01:17 · Amina Sipcanin: Head of Content Creation klingt auch cooler, agenturiger. Aber das ist ja wirklich auch das, was du tust.
01:26 · Marc Piesker: Es hat damit zu tun, dass wir hier in der Agentur sind und nicht an einem Filmset. Sobald wir am Filmset sind, bin ich reiner Regisseur.
01:33 · Amina Sipcanin: Dazu direkt zwei Fragen. Die erste zur Agenturseite: Ist es wirklich so, dass du jedes Foto und jedes Video siehst, dass alles über deinen Schreibtisch geht?
01:49 · Marc Piesker: Ich würde sagen, 90 Prozent. Wenn ich weiß, dass jemand etwas schon oft gemacht hat und es eher etwas Kleineres ist, etwa ein Social-Media-Clip für Instagram, Business as usual, dann kann ich das natürlich auch abgeben. Ich bin kein krasser Control-Freak, der alles gesehen haben muss. Aber der Anspruch ist schon, dass ich so gut wie alles einmal gesehen habe. Besonders am Anfang, wenn Prozesse neu sind oder ein neuer Kunde kommt, ist es wichtig, dass ich überall dabei bin.
02:23 · Amina Sipcanin: Und auf der anderen Seite: Wenn du Regisseur bist, warst du schon mal an einem echten Filmset?
02:29 · Marc Piesker: Natürlich an den Sets, die wir hier bei pechschwarz haben, und vorher auch schon bei anderen Drehs. Ich war auch schon als Statist an einem richtigen Filmset, und ich habe selbst Kurzfilme gedreht. Einen Kinofilm habe ich natürlich noch nicht gedreht.
02:52 · Amina Sipcanin: Noch nicht, sagst du. Hättest du Lust?
02:55 · Marc Piesker: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, das würde jeder Regisseur behaupten. Werbung, Kurzfilm, Kinofilm, das sind so die drei großen Bereiche, und alles ist eine Challenge.
Hartnäckigkeit, Geschmack und wie man Kunden überzeugt
03:11 · Amina Sipcanin: Ich finde es voll cool, weil es so vielseitig ist. Auf der einen Seite kannst du Werbefilme machen, für ein Produkt wie Delfin bis hin zu Porsche oder Bauhaus. Auf der anderen Seite gibt es echte Filmsets mit Schauspielern und einem Thema, das behandelt wird. Gefällt dir eines davon mehr?
03:37 · Marc Piesker: Eigentlich nicht, beides hat Vor- und Nachteile. Um einen Film umzusetzen, brauchst du extrem viel Geld und musst lange daran arbeiten. Ich lese gerade ein Buch über einen Regisseur in der NS-Zeit, und darin steht ein schöner Satz: Als Regisseur musst du richtig hartnäckig sein. In der Werbung muss ich auch hartnäckig sein, wenn ich den Werbefilm umsetzen will, den ich haben will. Ich muss dem Kunden gut erklären, warum das der richtige Film für ihn ist und warum er so aussehen muss, wie ich ihn mir vorstelle. Bei einem Kinofilm, bei dem es um noch mehr Geld und Zeit geht und viel mehr Menschen mitarbeiten, musst du noch hartnäckiger sein. Ein Regisseur darf eigentlich kein Nein akzeptieren.
04:38 · Amina Sipcanin: Aber musst du dann immer deine eigene Meinung durchsetzen? Du hast ja auch einen persönlichen Geschmack. Wie trennst du, was dein Geschmack ist und was wirklich wichtig für den Film ist?
04:53 · Marc Piesker: Bei einem Kurzfilm habe ich im besten Fall die volle Kontrolle. So war es zumindest bei meinen Uni-Projekten, bei denen höchstens Kommilitonen mitreden wollten. Bei einem Film, der vielleicht 100.000 Euro kostet, vertrauen dir die Leute, wenn du etabliert bist, aber du hast trotzdem die Geldgeber im Nacken. Ein Regisseur bezahlt nie seinen eigenen Film. In der Werbung hast du den Kunden im Nacken. Das sind meistens ein, zwei oder drei Leute aus dem Marketing, die du überzeugen musst, und statt um 100.000 Euro geht es vielleicht um 10.000 oder 20.000 Euro. Das sind die Unterschiede.
05:39 · Amina Sipcanin: Und wie überzeugst du die Menschen? Was sind deine Stilmittel? Gern an einem echten Beispiel: Jemand kommt zu dir und sagt, ich hätte gern einen Werbefilm. Wo fängt man an?
05:56 · Marc Piesker: Das kommt darauf an. Sehr überzeugend ist, wenn wir so etwas schon einmal gemacht haben, etwas schwieriger, wenn nicht. Imagefilme, der Klassiker, haben wir reichlich gesammelt. Ich bin jetzt drei Jahre bei pechschwarz, und die meisten Werbefilme hier waren Imagefilme. Wenn ein Kunde also einen ganz klassischen Imagefilm möchte, davon nicht ablässt und das Budget eng ist – man nimmt ein paar Impressionen vom Unternehmen auf, legt Musik darunter und macht ein Voice-over –, dann ist es einfach, ihn zu überzeugen. Wir haben viele solcher Videos auf Vimeo, und er sieht: Wir können das. Mein Anspruch ist über die Jahre aber geworden, mehr und mehr out of the box zu denken. Ich versuche, möglichst strategisch zu argumentieren. Das beste Argument ist für mich: Macht euren Film interessanter und cooler als einen klassischen Imagefilm, weil er uns dann auch mehr Spaß macht. Das ist eine Regel, die auch Designer bestätigen werden: Wenn es dem, der es produziert, Spaß macht, macht es auch dem Konsumenten Spaß. Wenn ich richtig Spaß beim Umsetzen und im Schnittraum hatte und von der ersten Schnittfassung begeistert bin, kann ich mir ziemlich sicher sein, dass auch der Kunde und die Zuschauer begeistert sind.
07:53 · Amina Sipcanin: Dann kannst du deiner Kreativität freien Lauf lassen und sprühst wahrscheinlich noch mehr vor Ideen, wenn der Kunde dir vertraut. Und meistens ist das ja genau das, was die Kunden wollen. Oder ist es dir schon einmal passiert, dass ein Kunde gesagt hat: Das habe ich mir ganz anders vorgestellt?
08:18 · Marc Piesker: Nein. Ein Werbefilm besteht aus drei Phasen: Pre-Production, Production und Post-Production. Mir ist ganz wichtig, dass vor der Produktion, also vor dem Dreh, alle mit dem einverstanden sind, was wir umsetzen. Deshalb kann ich stolz sagen, dass die Zufriedenheit unserer Kunden mit dem Endprodukt sehr hoch ist. Ich würde eigentlich 100 Prozent sagen, aber das wirkt unseriös, also sagen wir 99,9. Ich kämpfe für meine Vision, stelle aber gleichzeitig sicher, dass alle zufrieden rausgehen. Im Worst Case bin ich weniger zufrieden als der Kunde, denn er bezahlt am Ende.
09:13 · Amina Sipcanin: Du sagst, du gehst strategisch heran. Was bedeutet das? Woher kommen deine Ideen und Impulse? Hast du Benchmarks, an denen du dich orientierst?
09:29 · Marc Piesker: Ganz konkret für den Kunden betreibt man erst einmal Benchmarking und Recherche: Was machen Firmen in einem ähnlichen Bereich? Ansonsten bin ich eine popkulturelle Maschine, sage ich immer. Mit mir kann man über unfassbar viele Themen reden, Musik, Film, Videospiele, das ist alles hier drin und wird weiter fleißig gefüttert. Mein Ziel ist, das alles einfließen zu lassen. Ich schaue mir also den Case an, schaue mir Referenzen an und halte mich auf dem Laufenden, was gerade Trends sind. Aber wie wir schon von einigen Designern gehört haben, ist es nicht immer gut, Trends hinterherzulaufen. Sonst würde ich jetzt sagen: Wir machen nur noch alles mit KI, weil das gerade der heiße Scheiß ist. Man muss kurz darüber nachdenken und schauen, was die Konkurrenz macht. Wenn ich sehe, dass die großen Firmen gar nicht so offensichtlich mit KI arbeiten, frage ich mich: Warum ist das so? Aus diesem Mix entsteht im besten Fall etwas Kreatives. Und ganz wichtig, wie beim Film, das lernt man an der Uni als Erstes: Man will mit dem Werk eine Message verbreiten. Beim Film hast du im besten Fall ein Thema, das dich beschäftigt und das du analytisch aufarbeiten willst. Ein 90-Minuten-Film ist super, um ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Aber als Regisseur musst du am Ende auch eine Aussage treffen.
Botschaft, Vibe und die Frage nach KI
11:32 · Amina Sipcanin: Nur am Ende? Muss sich die Aussage nicht durch den ganzen Film ziehen?
11:35 · Marc Piesker: Klar. Aber im besten Fall komme ich als Zuschauer aus dem Kino und weiß ungefähr, was mir der Film sagen wollte. Es gibt auch sehr experimentelle Filme, bei denen ich mich frage, was jetzt die Message war. Ich persönlich mag Filme, die klare Statements setzen, was nicht heißt, dass der Film immer ganz eindeutig sein muss. In der Werbung ist es genauso: Der Werbefilm soll unterhalten, die Leute sollen dranbleiben. Aber Werbung heißt Werbung, weil sie etwas verkaufen oder Awareness schaffen soll. Viele Brands machen inzwischen Werbefilme, die vor allem einen Vibe vermitteln. Cola ist das beste Beispiel: Das Produkt ist seit Jahrzehnten dasselbe. Es geht nur noch darum, Awareness zu schaffen und zu sagen: Weißt du noch, es gibt Cola, und ist es nicht cool, eine Cola zu trinken – dieses Geräusch, wenn du sie aufmachst.
12:52 · Amina Sipcanin: Da muss ich an die Bacardi-Werbung denken, nicht weil ich Bacardi-Fan wäre, sondern weil da immer Musik läuft und ein Lebensgefühl versprochen wird: Du trinkst Bacardi, bist glücklich, tanzt mit deinen Freunden. Daran denke ich, obwohl ich nicht einmal Bacardi trinke. Das schafft Werbung, das ist genau der Vibe, von dem du sprichst. Ich finde es besonders, mir zu überlegen, was sich Regisseure dabei denken, weil man schon am Anfang an dieses Endgefühl denken muss, bevor überhaupt etwas produziert wird. Aber du hast gerade KI erwähnt: Warum machen die Großen das nicht? Warum machen wir es nicht, und was machen wir vielleicht?
13:56 · Marc Piesker: Mit Cola habe ich ausgerechnet eine Marke genannt, die einmal sehr offensichtlich KI benutzt hat, und das kam gar nicht gut an. Das ist ein komplexes Feld. Jede Marke benutzt mittlerweile KI, die Frage ist, wie offensichtlich. Mein Slogan dazu: KI ist wie ein Instrument. Es ist erst einmal ein Werkzeug, und jeder kann es spielen. Aber ob sich ein Profi ans Klavier setzt oder jemand, der keine Noten lesen kann, das ist der Unterschied. Mein Eindruck ist, dass die großen Marken KI sehr verantwortungsvoll einsetzen, und KI-Fotos und -Videos gibt es ja schon seit ein, zwei Jahren. Manche wagen sich weiter vor, etwa Cola, und gestern habe ich von Persil eine komplett KI-generierte Werbung gesehen. In Deutschland muss man das auch kennzeichnen. Für mich persönlich ist das ein krasser Fail, weil die Sachen sehr steif aussehen und man es gerade bei Video noch deutlich erkennt. Das ist subjektiv, aber ich habe auch Studien gelesen, die das bestärken. Ich finde es sehr dystopisch, nur noch Fotos und Videos zu sehen, die aus der Maschine kommen. Bei Restaurants ist das inzwischen ein Klassiker: Logo, Branding, Menü, alles KI. In so einer Welt möchte ich nicht leben, und ich habe das Gefühl, viele Menschen haben damit ein Problem. Bestimmt gibt es auch Menschen, denen das egal ist, und jede Marke muss für sich entscheiden, ob sie das Risiko eingehen will. Wir wollen in der Werbung Emotionen und einen Vibe vermitteln, das ist eine Frage der Menschlichkeit. Wenn man wenig Geld und trotzdem eine coole Idee hat, probiert man es. Ich will aber nicht sagen, dass KI schlimm ist und wir nichts damit machen. Man sollte sie verantwortungsvoll einsetzen. Auch wir nutzen KI, streuen sie aber gezielt ein. Für den BHC haben wir zum Beispiel einen etwa einminütigen Season-Trailer gedreht. Davon waren zwei Einstellungen KI, und darin waren eigentlich keine Menschen zu sehen: eine coole Kamerafahrt vom Mond herunter zu einer Person und ein Keypad, das extra zu kaufen sehr teuer gewesen wäre.
17:26 · Amina Sipcanin: Zwei Einstellungen heißt dann zwei Sekunden von 60?
17:34 · Marc Piesker: Sagen wir vier. Im Flow fällt es überhaupt nicht auf, und am Ende kann keiner sagen, ob es KI war, weil es so gut eingearbeitet ist.
Wenn man KI nicht mehr erkennt
17:44 · Amina Sipcanin: Du hast gerade die Menschlichkeit erwähnt und gesagt, dass man KI vor allem bei Videos erkennt. Wenn ich auf Instagram unterwegs bin, passiert es mir wirklich häufig, dass ich es nicht erkenne. Vor ein paar Monaten hast du KI-Personen noch an komischen Fingern, Zähnen oder der Zunge erkannt. Aber vor ein paar Tagen habe ich mir ein kleines Kind angesehen, das etwas Süßes gesagt hat, und bin sofort darauf angesprungen. Erst in den Kommentaren habe ich verstanden, dass es KI war. Vielleicht erkennst du es, weil du jeden Tag Videos machst. Aber als normale Person, die auf Instagram scrollt, muss ich manchmal zweimal hinschauen. Das finde ich erschreckend, weil ich mich frage, ob ich schon KI-Videos gesehen habe, ohne es zu merken. Passiert dir das nie?
18:54 · Marc Piesker: In meinem Umfeld vermutlich am wenigsten, weil ich das geschulteste Auge habe. Es passiert eher, dass ich anderen sage: Das ist KI. Aber ich will gar nicht so sehr auf das Argument eingehen, dass man es noch erkennt. Betonung auf noch, denn es wird vermutlich immer besser. Ich plädiere eher dafür, zu fragen, welche Wirkung man erzeugen will. Wo ein Trend ist, gibt es auch Gegentrends, und das sieht man immer häufiger. Apple hat das richtig gut gemacht: Sie zeigen etwas Neues, ich glaube, das neue Apple-TV-Intro, und alle finden es cool. Heute ist der erste Gedanke bei allem, was cool aussieht: Ist das KI? Im zweiten Schritt posten sie ein Behind-the-Scenes-Video, und das geht gefühlt sogar viraler als das Original. Ich sehe das auch bei Musikern. Ich folge einer Hyperpop-Künstlerin, die Fotos in einem Bad aus Süßigkeiten gemacht hat. Auch das könnte man heute mit KI machen. Die letzten beiden Bilder des Karussells waren Behind-the-Scenes-Fotos: Sie waren wirklich in einem Süßwarenladen und haben dort ein riesiges Bad aufgebaut. Das weiß ich total zu schätzen.
20:47 · Amina Sipcanin: Ich verstehe das. Aber es kommt mir auch ein bisschen so vor, als müsste man sich rechtfertigen: Man postet Behind-the-Scenes, damit nicht jeder denkt, es sei KI. Wenn ich schreibe, nutze ich manchmal Gedankenstriche, lösche sie aber vor einem LinkedIn-Post wieder, weil ich Angst habe, jemand denkt, ich hätte den Text mit KI geschrieben. Wir geraten in einen Strudel: Wie beweise ich der Welt, dass es nicht KI ist? Das Vertrauen von früher fehlt. Früher wusstest du, dass du eine Künstlerin zum Beispiel für ihre Stimme magst. Jetzt gibt es so viel KI-Musik auf Spotify, die nicht gekennzeichnet ist. In Deutschland gibt es Kennzeichnungsregeln, aber nicht überall auf der Welt. Wenn ich eine neue Sängerin entdecke, recherchiere ich erst einmal 30 Minuten, ob sie echt ist. Letztens habe ich eine KI-Sängerin mit zwei Millionen monatlichen Hörern gefunden. Ob die alle recherchiert haben? Wahrscheinlich nicht.
22:09 · Marc Piesker: Da kommen wir in politische Bereiche, und da sind die Plattformen und die Politik wichtig. Die Kennzeichnung wird bisher nur halb gut umgesetzt, und das wird in Zukunft ein großes Problem. Desinformation ist schon jetzt eines, und jetzt kommt noch das menschengemachte Künstlerische dazu. Wenn es uns komplett egal ist, ob etwas von einer Maschine oder einem Menschen stammt, können wir sagen: Es ist alles nur noch KI. Aber ich ticke anders, das ist auch eine subjektive Frage. Ich bin mittlerweile deutlich weniger auf Instagram und gehe besonders gern ins Kino. Wenn etwas im Kino läuft, weiß ich, dass es etwas Künstlerisches ist, von Menschen für Menschen gemacht. Auf Instagram ist gefühlt jeder dritte Post KI, oder ich muss mich fragen, ob er es ist. Bei mir führt das dazu, dass ich weniger auf diesen Plattformen bin. Um den Bogen zu Kunden und Werbeagentur zu schlagen: Diese Frage muss sich jede Firma stellen. Will man riskieren, dass man der Marke nicht mehr vertraut, echte Menschen und echte Emotionen zu zeigen? Werbung ist immer ein bisschen inszeniert, aber das ist eine nächste Stufe, und die finde ich eher dystopisch. Und dann gibt es Marken, die sagen: Jetzt werden wir erst recht imperfekt und menschlich, nutzen erst recht keine KI und machen vielleicht sogar erst recht Fehler, in Anführungszeichen.
KI im Kundenprojekt, Flossi und eigene Musik
24:15 · Amina Sipcanin: Um es wieder zu beweisen, in Anführungszeichen. Beim BHC sind ja zwei kurze KI-Sequenzen drin. Musst du das dem Kunden vorher sagen? Müssen Kunden zustimmen, wollten sie das vielleicht sogar? Gibt es Kunden, denen das egal ist?
24:31 · Marc Piesker: Auf jeden Fall sollte man vorher darüber sprechen. Ich mache nicht heimlich noch einen KI-Shot. Der Kunde weiß ja, wie sein Werbefilm aussieht und woraus er besteht. Wir kommunizieren das in der Pre-Production, der Produktion und der Post-Production. In Deutschland muss man es auch kenntlich machen. Da gibt es noch viele Grauzonen, und ich sehe, dass viele Marken das nur halb machen. Das beste Beispiel war Persil gestern im Fernsehen: ein fetter Banner links unten in der Ecke, „KI-generiert“. Wenn ein Kunde das möchte, setzen wir es natürlich um. Wir können mit KI Inhalte generieren und haben das Know-how, dass es gut aussieht. Trotzdem würde ich einem Kunden eigentlich immer davon abraten, komplett KI-generierte Videos zu machen. Bei Fotos ist es mittlerweile etwas anderes, zum Beispiel bei Branchenfotos auf einer Website, die alle in einem Stil sein sollen. Da bietet sich KI echt an. Die Alternative wäre, wirklich rauszugehen und zu shooten, und das ist viel, viel teurer. Das Zwischending sind Stockbilder. Ob KI-Foto oder Stockfoto, macht emotional keinen großen Unterschied, beides ist unpersönlich. Aber KI kann gebrandet sein, da hat sie einen klaren Vorteil. Und wir fragen bei allem: Gehört das zum Branding? Mit KI kann ich sehr einheitliche Fotos und Videos generieren. Wie bei vielem kommt es darauf an, was man vorhat und welchen Zweck das Ganze hat.
26:37 · Amina Sipcanin: Das sehe ich wie du. Verantwortungsbewusstsein muss gefördert werden, bei Kunden und bei Produzenten. Wenn man selbst verantwortungsvoll damit umgeht, kann man das auch an Kunden weitergeben. Neben KI hast du am Anfang Motion Design genannt. Bei Delfin hast du ja auch den Synchronsprecher gemacht, und es gibt jetzt ein kleines Maskottchen. Wie kam die Idee, und warum hast du die Stimme übernommen?
27:21 · Marc Piesker: Super cooles Projekt. Über Delfin rede ich immer gern, weil es sehr farbenfroh war. Ich freue mich immer, wenn Marken sich Farben trauen und etwas verspielter sind. Heute sind viele Marken clean und minimalistisch, und so ticke ich eigentlich auch total.
27:41 · Amina Sipcanin: So pechschwarz-mäßig, meinst du?
27:41 · Marc Piesker: Genau, bei pechschwarz sind die Marken oft so, und deshalb fand ich es bei Delfin schön, dass es farbenfroher war. Und so ein Maskottchen ist für einen Film super dankbar. Mike hat ihn designt, und als ich ihn gesehen habe, wusste ich sofort: Den können wir animieren. Er kann die Flossen bewegen, sich drehen, hinten aus dem Loch kommen Blubberblasen, er kann sprechen. Ich habe viel Erfahrung mit Stimmeinsatz und Synchronisation. Für mich ist das Wichtigste, dass am Ende ein cooles Produkt herauskommt. Wenn ich weiß, dass ich etwas selbst machen kann, schlage ich es dem Kunden als Erstes vor. Klar, für Voice-over gibt es inzwischen auch KI. Aber auch da habe ich es einfach selbst gemacht, und Flossi zu sprechen, macht mir Spaß. Der Kunde fand es gut, ich fand es gut, also haben wir es so gemacht. Die Musik im Delfin-Werbefilm ist auch von mir, das sage ich immer gern dazu: Wir können auch komplett eigene Musik komponieren. Am meisten freue ich mich bei Werbefilmen, wenn so gut wie alles von uns selbst ist.
29:22 · Amina Sipcanin: Total schön, alles aus einer Hand an den Kunden zu geben. Wir als pechschwarz sind dann der Ansprechpartner für wirklich alles, und in diesem Fall du besonders für Musik, Stimme und Video. Alle ziehen an einem Strang, damit der Film zur vollsten Zufriedenheit des Kunden umgesetzt wird. Gibt es ein Beispiel, das vielleicht das Gegenteil von Delfin ist, dir aber auch besonders viel Spaß gemacht hat?
Sauren, Eye Candy und der filmische Anspruch
30:07 · Marc Piesker: Dieses Jahr habe ich da direkt Sauren im Kopf. Die sind nicht wirklich bunt, es geht ja eher um Finanzen. Auch das ist ein gutes Beispiel: Man hätte versuchen können, das komplett mit KI zu machen. Es ist ein Imagefilm, in dem wir die vier wichtigsten Mitarbeitenden begleitet haben, einmal hier in Köln, hauptsächlich aber in London, wie sie ihre Kunden besuchen. Das hat total viel Spaß gemacht. Erstens ist man nach London geflogen, und gleichzeitig haben wir sie auf Schritt und Tritt begleitet und sehr experimentell gefilmt. Wir haben versucht, den Vibe der Stadt einzufangen. Die Musik haben wir nicht selbst gemacht, aber sie ist mir trotzdem wichtig: Wir haben ein Jazzstück genommen. Musik ist bei Werbefilmen immer wichtig, und da haben wir wirklich gekämpft, weil der Kunde eher etwas Modernes, Trappiges wollte. Im Grunde den Song, den gerade jeder Neobroker hat. Dafür macht man Benchmarking und Recherche: Das machen die? Dann machen wir es genau anders und verkaufen einen anderen Vibe. Der Jazzsong hat perfekt gepasst. Dazu kommt das Color Grading. Ich liebe die Serie „Succession“. Es geht dort eher um den Mediensektor, aber sie spielt in Hochhäusern, und alle tragen Anzüge, also der gleiche Vibe. Die Serie haben wir als Vorbild genommen und es etwas freundlicher gemacht, denn „Succession“ ist extrem dunkel gegradet. Delfin und Sauren sind beide unfassbar dicht in ihrer Atmosphäre. Beide Filme wissen ganz genau, welchen Vibe sie transportieren wollen. Musik, Bild, Voice-over und das Gefilmte spielen wunderschön zusammen. Ich freue mich immer, wenn Kunden das Budget und die Lust haben, so etwas umzusetzen.
33:02 · Amina Sipcanin: Und das ist auch etwas ganz Neues. Du sagst, Sauren ist nicht so bunt, aber dort steckt so viel Leben drin. Das ganze Rebranding sieht man auch im Imagefilm, der ist so cool, er könnte der Trailer eines Kinofilms sein. Das schafft man nur, wenn man diesen Vibe aufgreift. Ich finde es total cool, dass sie sich darauf eingelassen haben und dass ihr diese Atmosphäre so gut eingefangen habt. Obwohl Delfin und Sauren nicht weiter voneinander entfernt sein könnten, haben beide einen starken Vibe.
33:51 · Marc Piesker: Ich glaube, das ist auch die Charakteristik meiner Arbeit. Ich bin ein Film- und Serien-Nerd. Ich bin zwar in einer Werbeagentur gelandet und mache täglich Werbung, habe aber immer einen filmischen Anspruch, weil ich glaube, dass Leute sich das lieber ansehen. Ein schönes Beispiel ist Cimco: Wir haben einen Produktfilm mit einem Rucksack gedreht. Den hätte man einfach clean abfilmen können, zack, fertig. Ich habe mir damals gesagt: Dieser Rucksack hat so viele kleine Details, und es gibt Probe Lenses. Das sind ganz lange, dünne Objektive mit einer Art Ameisenperspektive, in der alles unfassbar groß aussieht. Die Aufnahme, in der der Reißverschluss geöffnet wird, packe ich immer wieder gern in Showreels. Mit einer normalen Linse wäre sie nicht so cool geworden. In der Musik gibt es Ear Candy, beim Film gibt es Eye Candy. Genau das brennt sich in den Kopf. Wir wollen nicht nur, dass jemand das Video bis zum Ende schaut und Message und Emotionen gut findet. Wir wollen, dass er es behält und nicht einfach weiterscrollt und es direkt vergisst. Ich nenne das Doomscroll-Stopper: Man schaut es sich vielleicht ein zweites oder drittes Mal an, weil man sich an den Details freut. Woran ich mich erfreut habe, daran erfreut sich im besten Fall auch der Zuschauer.
36:00 · Amina Sipcanin: Das hast du total schön gesagt, und ich glaube, das ist das perfekte Schlusswort: auf die Details achten. Wenn du dich freust, freuen wir uns alle, und die Kunden sind happy. Danke, dass du mich so gut mitgenommen und mir einen Einblick in deinen Alltag gegeben hast.
36:07 · Marc Piesker: Gern.
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